Gänsejagd in einem niedersächsischen EU-Vogelschutzgebiet?

Geschrieben von admin am . Posted in Nachrichten

Man mag es kaum für möglich halten, aber in einem der bedeutendsten EU-Vogelschutzgebiete Niedersachsens, nämlich dem EU-VSG 10 an der Ems zwischen Leer und Emden, der Leda-Mündung und Oldersum, wird praktisch jeden Tag in der Gänsejagdzeit gejagt, auch bei schlechter Sicht, „was das Zeug hält“!

Dieses EU-Vogelschutzgebiet ist naturgemäß gleichzeitig FFH-Gebiet und  Naturschutzgebiet. Es liegt darüber hinaus im Biotop-Verbund mit dem Südwest-Bereich des Nationalparks „Niedersächsisches Wattenmeer“.Es ist wegen seiner Bedeutung für den Vogelschutz eingerichtet worden, da hier zehntausende der verschiedenen Gänse-Arten, Enten-Arten, Watvögel und viele andere mehr, die hier noch in nennenswertem Umfang vorhandenen Brackwasser-Wattbereiche, Brackwasser-Röhrrichte, Salzwiesen, Mähweiden sowie die angrenzenden Gewässerbereiche für die Nahrungsaufnahme, als Rast-oder Ruheplätze auf dem Durchzug von Skandinavien oder Russland nach Süden oder im Frühjahr sogar als Brutplatz nutzen. Immerhin klassifiziert der Standarddatenbogen der FFH-Gebietsmeldung an die EU durch das Land Niedersachsen dieses Gebiet als „herausragendes Überwinterungs- und Rastgebiet für nordische Gänse (Blässgans, Graugans, Nonnengans)- und Säbelschnäbler“ und beinhaltet alle Arten, die nach Artikel 4 der Vogelschutzrichtlinie der EU zu schützen sind. Die Ems unterliegt in diesen Bereichen noch dem Tide-Einfluß, was für alle hier vorkommenden oder durchziehenden Vogelarten von ganz besonderer Bedeutung ist.

 

Vogelschutzgebiet und Naturschutzgebiet sind auch eingerichtet worden, damit alle Vögel  in Ruhe der Nahrungsaufnahme z.B. auf den Deichvorländern nachgehen können und dann weniger Schäden auf landwirtschaftlichen Nutzflächen anrichten. Vor allem Gänse reagieren auf Störungen sehr empfindlich und erhöhen sofort die Fluchtdistanz.

Dies gilt ganz besonders für jagdliche Aktivitäten. Spätestens mit jedem Schuss flüchtet alles, was Schwingen hat, Richtung Dollart aufs offene Wasser oder ins Binnenland, wo die Gänse häufig ebenfalls von Jägern bereits erwartet werden. Im Binnenland, außerhalb der ausgewiesenen Schutzzonen, dürfen in Niedersachsen aber Bläss- und Saatgänse z.B. geschossen werden.

In diesem Winter gipfelte das jagdliche Geschehen in der Tatsache, dass bei Schneelage, Kälte und weitreichenden Vereisungen weiterhin praktisch jeden Morgen gejagt wurde. Die Vögel kamen also weder zu Rast und Ruhe noch zur durch Schnee und Eis erheblich behinderten Nahrungsaufnahme! Während in den benachbarten niederländischen Provinzen Groningen und Drenthe, sowie in drei weiteren Provinzen des Landes die Jagd auf Wasservögel ab dem 27. Dezember 2010 längst verboten war, wurde im EU-Vogelschutzgebiet auf deutscher Seite trotz der absoluten Notlage der Gänse und anderen Wasservögel praktisch täglich weiter gejagt!

 

Der Ökologische Jagdverein hält es grundsätzlich für einen vernünftigen Grund, ein Tier zu töten, wenn es verzehrt werden soll. Aber doch nicht in dieser Art und Weise! Eher ist zu fragen, ob die Jagd auf Graugänse tierschützerisch und ethisch überhaupt zu vertreten ist, wenn man weiß, dass die Graugans in lebenslanger Einehe lebt und sich die übrig bleibende Gans nicht wieder an einen Partnervogel bindet? Nicht nur, dass damit der Nachwuchs eingeschränkt wird, sondern „verlorene“ Partner werden tagelang gesucht, angeschossene Gänse durch Partner und Jungvögel „hilfreich“ lange Zeit begleitet!

Doch damit nicht genug: Die Stadt Emden ist kreisfreie Stadt und damit „Untere Jagdbehörde“sowie Untere Naturschutzbehörde. In der entsprechenden Naturschutzgebiets-Verordnung gibt es nach unserer Kenntnis keine Einschränkungen für die Jagd, weder zeitlich noch räumlich oder sonst in anderer Weise, dafür aber mehrere Jäger in den oberen Etagen der Stadtverwaltung,- Zufall? Es wird im EU-Vogelschutzgebiet und Naturschutzgebiet praktisch jeden Tag gejagt, auch sonntags, und dem niedersächsischen Jagdrecht zuwiderlaufend auch bei Nebel und dichtem Schneetreiben! In der Bundes- Jagdzeiten-Verordnung heißt es in §3: „Die in Absatz 1 festgesetzten Jagdzeiten umfassen nur solche Zeiträume einschließlich Tageszeiten, in denen nach den örtlich gegebenen äußeren  Umständen für einen Jäger die Gefahr der Verwechslung von Tierarten nicht besteht“. Die geneigte Leserschaft möge sich hierzu die Bilder ansehen, – u.a. an diesem Morgen wurde auf Gänse gejagt….

Zu dieser Zeit war das ganze Deich-Vorland zu geschneit und die Schlickwatten vereist Lediglich an einigen wenigen Süßwasserstellen konnten einige tausend Gänse und Enten der verschiedenen Arten rasten. Schon beim ersten Schuss fliehen die Wasservögel, verbrauchen bei den Fluchten wichtige Energiereserven. Und wohin sollen sie flüchten? Da im Binnenland alles vereist oder verschneit ist, können sie nur auf die Ems oder tief in den Dollart ausweichen. Dieses Jagen in der echten Notzeit für das Wasserwild und die anderen, mit aufgescheuchten Vogelarten, bezeichnen wir als zutiefst unwaidmännisch und total dem Tierschutzgedanken widersprechend! Hier müssen keine Abschußpläne erfüllt werden, sondern offensichtlich nur entsprechende Kochtöpfe gefüllt werden! Wer wollte auch das Rosenfressen verbieten, wenn der Bock beim Gärtner wohnt und freien Zugang zum Garten hat?

 

Des weiteren unglaublich ist die Tatsache, dass ein Jagdreise-Anbieter aus Trier „..eine wirklich gute Gänsejagd-Möglichkeit“ in der Nähe der Emsmündung  vor allem auf nordische Gänse als Zugvögel angeboten hat. Sogar in einem russischen Jagdforum aus St. Petersburg tauchten Hinweise auf diese Jagdmöglichkeit auf. Dabei sind die Ems von Leer bis Emden und in größerem Umfang das Rheiderland EU-Vogelschutzgebiete, in denen die Bläss- und Saatgänse ganzjährigen Schutz genießen, hier durch den Jagdreiseanbieter aber ausdrücklich zum Abschuss angeboten wurden! Darauf hingewiesen, hat die Firma die Jagdreise mit dem Vermerk  „ausgebucht“ versehen.   Wir werden an der Sache dran bleiben!

 

Jürgen Oppermann

Anmerkung:   Unterlassungsklage mit Androhung von 250 000 € (!) gegen Gänseschützer

Wegen der oben geschilderten Zustände im EU-Vogelschutzgebiet haben engagierte Vogelschützer 2009 eine „Gänsewacht“ (www.gaensewacht.de ) eingerichtet, die die Jäger in ihrem Tun kritisch begleitet. Als im Nebel auf anstreichende Gänse geschossen wurde, hat der anwesende Gänsewächter versucht, die Polizei zu rufen und Anzeige zu erstatten. Diese konnte angeblich nicht kommen, weil die Beamten „keine Gummistiefel“ dabei haben, (….auch amtierte an höherer Stelle ein Jäger …).

Im selben Revier konnte der Gänsewächter bereits im Jahr 2006 nachweisen, dass eine Nonnengans verbotener weise von der Jagdgesellschaft eines Revierpächters beschossen und getötet wurde. Der Pächter, ehrenamtlicher Richter beim OVG, Lüneburg, behinderte damals die Aufklärung seitens der Staatsanwaltschaft, indem er die Aussage verweigerte.

Kürzlich schoss derselbe Revierpächter und ehemalige Bürgermeister von der Innenseite des Emsdeiches  über die Deichkrone, ohne das Schussfeld überblicken zu können. Seine Schrote kreuzten die häufig von Spaziergängern benutzte Deichkuppe und gefährdeten u.a. einen der Gänsewächter, der seine Kamera dort aufgebaut hatte. Der Gänsewächter fühlte sich insbesondere bedroht, weil der Gänsejäger trotz der Gefährdung weiter auf Grau- und Nonnengänse zielte. Wohl zum Selbstschutz blies der Mann in ein Nebelhorn und winkte mit den Armen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Unglaublich aber, was dann geschah: Die Jäger verklagen den Gänseschützer auf Unterlassung, weil sie meinen, in der Jagdausübung gestört worden zu sein. Die Richterin am Amtsgericht Emden droht für jeden Wiederholungsfall der Benutzung des Nebelhornes oder des Armwinkens ein Zwangsgeld von sage und schreibe bis zu 250 000 €, in Worten: zweihundertfünfzigtausend Euro an!

Da darf natürlich die Frage gestellt werden, was hierzu und zu den oben geschilderten jagdlichen  Auswüchsen im EU-Vogelschutzgebiet das für Jagd zuständige Landwirtschaftsministerium, das für den Naturschutz zuständige Umweltministerium und das Justizministerium sagen?

 

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